Hausratte

Die Hausratte (Rattus rattus)

Dr. Manfred Temme, ESA-Lesern als Vogelexperte bekannt, stellt eine Säugetierart vor. Erfahrungen mit den Nagern sammelte er während seines Biologiestudiums in den USA, auf den Marshall-Inseln und bei Forschungsprojekten in den USA, Kuwait und Bahrain. Dr. Temme verfasste seine Dissertation zu dem Thema

Text: DR. MANFRED TEMME

Ende der 60er Jahre, als in der Algarve noch mehr Reis angebaut wurde, gab es Überlegungen für ein bilaterales Entwicklungshilfeprojekt zwischen Portugal und Deutschland. Beinahe wäre ich als Rattenexperte schon damals nach Portugal gekommen, statt dessen wurde ich für mehrere Jahre auf die Philippinen entsandt, wo die Rattenschäden in den Reisfeldern wesentlich größer waren. Viele werden nun wohl sagen: ,,Ratten? Was für ein unerquickliches Thema!” Doch Einheimische und Residenten wissen längst, was auch Touristen gelegentlich beobachten: Die Nager huschen hier herum, in Südportugal kommen sogar zwei recht verschiedene Arten vor. Die größere und plumpere Wanderratte lebt hauptsächlich als so genannter Kommensale in großen Städten, in der Kanalisation, auf großen Müllhalden, folgt intensiver Viehhaltung und wird der versteckten Lebensweise wegen weniger wahrgenommen. Sie gilt als ,,schmutzige” Ratte und als Krankheitsüberträger. Von der Wanderratte ist die hier vorgestellte zierlichere Hausratte ziemlich einfach zu unterscheiden. Abgesehen von geringerer Größe und Gewicht, hat sie größere Ohren und einen wesentlich längeren Schwanz. Er überragt die Körperlänge und unterstützt das Tier beim äußerst behänden Klettern zur Balance. Sie ist unter mehreren Namen bekannt, deutsch: Hausratte, Dachratte, Fruchtratte, Baumratte; englisch: Black rat, Ship rat, portugiesisch: Rato-preto, Rato-negro, Ratazanapreta. Vielfach bezieht sich der Name auf Tiere mit fast schwarzem Fell, denn die Hausratte neigt zur Farbvarietät in südeuropäischen Ländern, so auch in der Algarve. Allerdings überwiegen graubraune Tiere mit einer hellen Unterseite, diese werden ,,Fruchtratte” genannt. Es wird angenommen, dass diese Art in frühgeschichtlicher Zeit aus Indien möglicherweise über Afrika nach Europa gelangt ist. In Mitteleuropa ist sie selten geworden und gilt vielerorts als ,,ausgestorben”. In Häfen und auf Bauernhöfen lebt die Dachratte meist in den trockenen oberen Stockwerken von Speicherhäusern und Scheunen. An hellen Wänden kann man vielbenutzte Wege als schmutzige Wechsel erkennen. In wärmeren Ländern lebt die Hausratte unabhängiger vom Menschen und wesentlich häufiger im Freiland. In Portugal bevorzugt der Nager ruhige Schlupfwinkel in verlassenen, baufälligen Scheunen, Bauernhöfen oder löchrigen Mauern. Doch auch in manchen Touristenzentren und Privatgärten sind Hausratten nicht selten. Dort dienen Kaminholzstapel, Schuppen oder dichte Vegetation als Schlupfwinkel. Da die Hausratte im Gegensatz zur Wanderratte ausgezeichnet klettern kann, verschwindet sie tagsüber auch in dichten Kronen hoher Palmen. Leicht kann sie raue senkrechte Pfosten halb springend oder hinauf und hinab laufend überwinden. Die Hausratte als Allesfresser bevorzugt pflanzliche Nahrung, verschmäht aber tierisches Eiweiß nicht und schreckt selbst vor Kannibalismus nicht zurück. Ich sah kürzlich in der Algarve, wie ein Rudel in einer Kanalisationsröhre (für die Hausratte eine sehr seltene Situation) ein in einer Schlagfalle getötetes Mitglied bis zur Hälfte aufgefressen hatte. Auch Fruchtbäume und vor allem Mandelbäume sind nicht sicher vor der Fruchtratte. Unter den Bäumen findet man oft viele geöffnete Kerne mit typischen Verbisszeichen. Bei der Rattenbekämpfung ist es wichtig zu wissen, um welche Art es sich handelt. Arten, die nicht gut klettern können, verursachen zum Beispiel kaum Schäden in Kokosnusspalmen, dafür aber in Reisfeldern und Getreidelagerhäusern. Trotz der Gefahr der Resistenz einiger Rattenstämme gegen Blutgerinnungshemmer (Antikoagulantien), können diese in der Algarve für eine effektive Bekämpfung größerer Populationen eingesetzt werden. Die im Handel erhältlichen Köderpackungen der neueren Generation müssen den Ratten in ausreichender Menge verabreicht werden; also letale Dosen, damit starke innere Verblutungen erreicht werden; die Antikoagulantien müssen auf mehrere Tage verteilt gefressen werden. Im Gegensatz zur Einnahme anderer Akutgifte machen die Ratten dabei keine negative Erfahrungen und geben daher keine Warnsignale an andere Rudelmitglieder weiter. Großflächige Rattenbekämpfung ist sehr aufwändig. Durch unsachgemäße Anwendung, nicht ausreichende Mengen der Giftköder oder zu früher Abbruch der Aktion entwickeln sich immune oder sogar resistente Rattenpopulationen, die den Giftkonsum überleben. Solche Rudelangehörigen kompensieren, wie bei viele Tierarten, bei einer Verringerung der Population die Verluste sofort und reagieren mit einer schnellen Vermehrung. Ein Weibchen kann das ganze Jahr über trächtig werden und bringt nach 21 bis 23 Tagen Tragzeit im Mittel sieben Junge zur Welt, die nach drei Monaten selbst in der Lage sind, sich fortzupflanzen. Allerdings werden Wurfhäufigkeit und -größen durch ein kompliziertes Gefüge von Siedlungsdichte, Nahrungsangebot, Feinden und Umweltfaktoren bestimmt. Ratten vermehren sich in vielen Fällen also nicht ins Unermessliche. Einzelne Ratten können auch mit Schlagfallen bekämpft werden. Bewährt hat sich als Köder Schmierkäse, da die Tiere dann länger an dem Auslösebrettchen zu tun haben und es sicher betätigen. Bei engen Kontakten können insbesondere durch Wanderratten im Verbund mit Flöhen, Mücken und Urinausscheidungen so genannte Zoonosen wie Milzbrand, Aktinomykose, Tularämie, Listeriose und weitere Infektionskrankheiten beim Menschen entstehen. In den arabischen Ländern herrscht sehr große Angst davor, dass bei Rattenvernichtungsaktionen Flöhe die getöteten Tiere verlassen und beim Übergang auf Menschen die Pest wieder aufleben lassen könnten. Deshalb geben diese Staaten sehr viel Geld für die Bekämpfung von Ratten aus.

Kontakt: Dr. Manfred Temme Tel. 282 359 746 temme.ney@gmx.de

 

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