Mehlschwalbe

Die Mehlschwalbe akzeptiert als Lebensraum die besiedelte Kulturlandschaft ebenso, wie das offene Gelände und große Höhen. Auch in der Algarve fühlt sie sich zu Hause
Text : DR. MANFRED TEMME

Delichon urbica

Die Mehlschwalbe
Auch in der Algarve kommt sie häufig vor, die Mehlschwalbe (engl. House Martin, port. Andorinha-dos-beirais). Sie ist als Brutvogel über ganz Europa bis hin nach Nordostsibirien verbreitet, und leicht zu erkennen: Oberseits ist sie glänzend blauschwarz, unten weiß, und hat einen auffälligen weißen Bürzelfleck; das ist die Region zwischen Rücken und den Schwanzfedern. Letztere sind gegabelt, tragen aber keine langen Spieße, wie sie bei der nah verwandten Rauchschwalbe vorkommen. Die zierlichen Füßchen sind weiß befiedert und wirken aus der Nähe besehen wie Samtpfötchen. Als Zugvogel zieht die Mehlschwalbe nach Afrika und überwintert südlich der Sahara bis hin nach Südafrika. Aufgrund des milden Klimas der Algarve kommt sie früh zurück, während sie in Deutschland bei ungünstiger Witterung erst recht spät, fast schon zum Ende des Frühjahrs wieder an den Brutplätzen erscheint. Die Nester werden aus kleinen Lehmklümpchen mit Speichel als Halbschale außen unter vorspringenden Dächern zusammengeklebt. Wo weicher Lehm für den Bau des Nestes knapp ist, kann man den Tieren auch Kunstnester aus Holzbeton anbieten. Weil die selbst gebauten Nester im Laufe des Winters oft herunterfallen, werden die stabilen künstlichen Nisthilfen sehr gern angenommen. Es entfällt außer58 dem bei der Heimkehr die längere Bauzeit und der Vogel kann gleich mit der Brut beginnen. An günstigen Stellen bilden Mehlschwalben in der Algarve Brutkolonien mit vielen aneinander gereihten Nestern. Das kleine seitliche Einflugloch hindert etwas plumpere Vögel wie Haussperlinge daran, in die Brutschale einzudringen und sie zu besetzen.

Die Mehlschwalbe ist aus menschlicher Sicht ein nützlicher Vogel: er ernährt sich von Blattläusen, Fliegen und Mücken
In der klimatisch sehr günstigen Region Südportugals werden drei bis vier Eier gelegt und etwa zwei Wochen lang bebrütet, wobei das Weibchen längere Perioden auf dem Nest sitzt als das Männchen. Bei der Fütterung der Jungen sind aber beide Partner intensiv beteiligt. Bei Mehlschwalben dauert die Nestlingszeit fast vier Wochen. Damit wird sichergestellt, dass die Jungen voll flugfähig sind, bevor die Eltern intensiv rufend ihnen vorausfliegen und sie so aus dem Nest locken. Die ersten Ausflüge sind zunächst noch sehr kurz und die Jungen schaffen es, sich durch die kleine Öffnung wieder ins Nest zurückzuzwängen.

Das reiche Angebot an Insekten in südlichen Ländern Europas erlaubt meist zwei, gelegentlich sogar drei Bruten pro Saison. Es kann dabei aber oft vorkommen, dass zwischen den einzelnen Jahresbruten der jeweilige Partner gewechselt wird. Die Mehlschwalbe ist ein reiner Flugjäger, der sich ähnlich wie andere Schwalbenarten auf fliegende Insekten spezialisiert hat, was sie aus menschlicher Sicht zu einem nützlichen Vogel macht. Die Nahrung ­ Blattläuse, viele Arten von Fliegen, Mücken und kleinen Käfern ­ wird nur im Fluge erbeutet. Bei längeren Regenwetterabschnitten, besonders in Verbindung mit stürmischen Winden, erheben sich aber viele dieser Insekten nicht in die Lüfte. Daher leidet diese beim Menschen beliebte Schwalbenart in Mittel- und Nordeuropa oft unter Schlechtwetterperioden und solche Situationen können zum Tod der Nestjungen führen. In extremen Fällen verhungern sogar manche Altvögel. An diesen ungünstigen Tagen versuchen die Vögel in ihrer Not über größeren Seen oder Teichen im Niedrigflug noch an Wasser gebundene Insekten zu fangen. Dann finden sich gelegentlich Hunderte Mehlschwalben und auch Rauchschwalben zusammen. Selbst in der Algarve können im Frühjahr kühlere und wolkige Tage für ein verringertes Insektenangebot sorgen, und die Schwalben zeigen ein ähnliches Verhalten wie in Nordeuropa.

 

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