Das Maskenfest

Der Karneval hat viele Traditionen
In der närrischen Zeit sollen in diesem Jahr auch in der Algarve Verkleidungen auftauchen, die in der Winterauskehr in kargen, kalten Gefilden Nordportugals ihren Ursprung haben und archaische Riten auf die Straßen bringen

Zeigt das Thermometer im Norden Europas Tiefsttemperaturen, zieht es viele Menschen von dort in die Sonne und einige nutzen zudem die Gelegenheit, um Alaaf und Helau zu entkommen. Dabei sind es nicht selten die Karnevalsflüchtlinge, die sich am Urlaubsort mit großem Vergnügen in das Faschingsspektakel stürzen. Städte und Gemeinden haben erkannt, dass diese kurze Zeitspanne, wenn sie gut genutzt wird, ein Mehrwert für die Kommunen, Hotels, Gastronomen und den örtlichen Handel sein und einen nicht unerheblichen Teil des Jahresumsatzes ausmachen kann. Da Portugal Karnevalshochburgen besitzt (vor allem Loulé, Sines, Torres Vedras und Ovar), wird die Maskerade zum Kulturaustausch: Karnevaleske Darbietungen aus anderen Landesteilen mischen sich von Jahr zu Jahr häufiger auch unter die Faschingszüge der Algarve und bringen ein Stück portugiesischer Kulturgeschichte mit.

Vorläufer des Karnevals gab es schon vor fünftausend Jahren in Mesopotamien, dem Land mit den ersten urbanen Kulturen, wo Volk und Herrscher gemeinsam den Priesterkönig Gudea ausgelassen feierten. Dann die Dionysien im antiken Griechenland, dem Gott der Ekstase und der Verwandlung gewidmet, oder die römischen Saturnalien, wenn Herr und Sklave beim Gelage nebeneinandersaßen. Diese Feste gelten überall als ethnologischer Unterbau des Faschingskults. In Portugal belegen Chroniken aus dem 16. Jahrhundert das Werfen von Kleie (lançamento de farelos) als Karnevals-Usus – man sollte mal erforschen, ob die seit zweihundert Jahren bekannte Sitte des Kamelle-Werfens im Kölner Karneval iberische Vorbilder hat. Riten und Kulturen mit sehr verschiedenen Ursprüngen können durchaus Berührungspunkte haben, sagen Ethnologen. Betrachtet man etwa die archaischen Masken der nordportugiesischen Winterauskehr, so lassen sich Ähnlichkeiten mit Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnacht erkennen: Holz, Papier, Stoff, Ton und Blech dominieren in der Herstellung von Masken und Verkleidungen in beiden Karnevalskulturkreisen ebenso wie der Brauch, die aufwendigen und daher kostbaren Kostümierungen über viele Jahre zu tragen und sogar zu vererben.

Die Orte, aus denen Portugals ungewöhnlichste Masken stammen, liegen abseits der Touristenrouten, in Lazarim in der Beira Alta, in Podence in der Provinz Trásos-Montes oder in Mogadouro an der spanischen Grenze. Hier herrschen iberische Volksbräuche: In den benachbarten Regionen Portugals und Spaniens sind Masken und Riten einander verwandt, denn vor allem im Norden der Halbinsel sind kulturelle Grenzen fließend. Ähnliches gilt für den Intrudo Tchocalhêro, so heißen im Dialekt des Alentejo die an Glocken (chocalhos) und Glöckchen reichen Darbietungen und Kostüme des regionalen Karnevals. Die metallenen Schellen sind gleichzeitig wichtige Bestandteile des Mummenschanzes im Norden. Und der ist laut, deftig, bunt, bisweilen beängstigend, durchaus diabolisch, gelegentlich gnadenlos, manchmal bukolisch, immer bodenständig.

Figuren aus Brueghel’schen Gemälden scheinen von der Leinwand gestiegen, Gestalten aus einer anderen Zeit. Überdimensionale Fantasiegebilde wippen auf den Köpfen, abenteuerlich Verhüllte huschen von hier nach dort. In reiche Stickerei gewickelte Figuren laufen durch die Straßen, daneben mit grobem Leinen oder Strohgewändern Bekleidete. Masken gehören immer dazu, manche klobig aus rauem Holz gehauen, andere mit fein geschnitzten Linien, wieder andere aus bunt lackiertem Blech. Das Fasnachtsgesicht verschafft seinem Träger eine Kurzzeit-Identität, denn es lässt keinen Aufschluss über seine Gefühle oder Absichten zu. Viele Masken haben gewaltige Hörner, andere überlange Zungen; die Symbolik zielt unzweideutig unter die Gürtellinie. Wer die Masken einmal gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Sie sind noch wichtiger als die übrige Verkleidung und die Performance der darunter Versteckten. Aber neben der reinen Karnevalsgaudi gehe es auch darum, die „eigene Kultur zu pflegen, die Sitten und Gebräuche der Ahnen nachzuempfinden und dabei eine jahreszeitliche Verzauberung zu präsentieren, die selbst die eigenen Landsleute nicht immer kennen“, sagt der Anthropologe Paulo Lima. Das schaffe ein Gefühl der Einigkeit.

Die besteht fraglos auch in der Bewunderung der Erlenholz-Masken aus Lazarim. Das Zeugnis lokaler Handwerkskunst ist besonders prachtvoll, doch nur noch wenige Tischler fertigen die hölzernen Fratzen. Adão Almeida ist einer von ihnen. Der 50-Jährige erklärt, dass „das Holz der Erle einen bestimmten Trockenheitsgrad erreichen muss, damit ich es mit Beitel und Klopfholz bearbeiten kann und es nicht reißt oder bricht.“ Almeida schlägt das Holz im Herbst. Bis aus einem Holzblock ein mystisches, traditionellen Mustern folgendes Gesicht geworden ist, sind bis zu dreißig Stunden Handarbeit notwendig. Entsprechend hoch ist der Preis; bis zu 350 Euro kostet jedes Einzelstück. Jedes Jahr zu Karneval hat Almeida etwa zwanzig Masken fertig. Auch Touristen kaufen sie gerne als Souvenir. Teufelsmasken schnitzt Almeida nicht, da ist er abergläubisch.                                            

Zu Zeiten seines Großvaters habe der Karneval „alle Menschen auf die Straße gebracht und die einsamen Dörfer wurden zum Ausflugsziel,“ berichtet Almeida. Der Faschismus habe die vorgeblich „heidnischen Ausschweifungen“ gestoppt. Heute sind es vor allem die Jüngeren, die die Tradition erneut aufleben lassen. „Wenn unser Karneval wieder bekannt wird, dann können wir unser Handwerk neu beleben“, hofft Almeida. Diese Kalkulation teilt auch Paulo Lima. Der Anthropologe, der aus Sines kommt und dessen Vorfahren Hirten waren, hat die Vorarbeit dafür geleistet, dass die Herstellung der chocalhos genannten traditionellen Glocken für Kühe, Schafe und Ziegen aus dem Alentejo-Ort Alcáçovas seit einem Jahr auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturguts steht (s. ESA 2/16). Das allein werde aber die vom Aussterben bedrohte Manufaktur nicht retten und die sozial bedenkliche Lage der Menschen in den Alentejo Dörfern nicht verbessern. Vielleicht kann es, indirekt, der Karneval.

Die Glocken bimmeln und lärmen zwar im Karneval des Alentejo, berühmt berüchtigt ist aber das Geläut der Coretos aus dem Dorf Podence in Portugals Nordosten. Das Gesicht hinter blutroten Blechmasken versteckt, ziehen in grelle, zottige Wollfransen gehüllte Gestalten durch die Gegend, am Gürtel kiloschwere Glocken so viel man tragen kann, will man noch die traditionellen Sprünge und Läufe vollführen. Die Maskerade dieser und anderer Faschingszünfte wie die Chocalheiros aus Mogadouro an der Grenze zu Spanien sind ohne die Glocken nicht denkbar. Dort werden die Dämonen polternd und ungezügelt ausgetrieben – vor allem durch das ohrenbetäubende Scheppern der chocalhos.

Die Karnevalszüge, die sich Ende des Monats durch viele Orte bewegen, wollen zur Feier des Augenblicks beitragen und dabei das Brauchtum zum Publikumsmagneten machen. Gelingt es, die Riten der Regionen als Bestandteile portugiesischer Karnevals Eigenart zu integrieren und als (auch wirtschaftlich nutzbares) Kulturgut zu etablieren, könnte das närrische Treiben ganz nebenbei die Wirtschaft beleben und altem Handwerk eine Zukunft geben.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 02/2017

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