Krieg gegen Moody´s

Die Rating-Agentur Moody´s stufte im Juli Portugals Kreditwürdigkeit auf Ramsch-Niveau herab. Damit zog sie den Unmut der gesamten portugiesischen Gesellschaft auf sich. Während Portugals Politiker die Entmachtung der Agenturen fordern, ruft die zivile Gesellschaft zu kuriosen Protesten auf

Trotz aller Sparanstrengungen hat sich die Ratingagentur Moody´s Portugal vorgeknöpft und das Land auf RamschNiveau herabgestuft. Zuerst waren es die portugiesischen Staatsanleihen, dann die Kreditwürdigkeit der portugiesischen Banken, der staatlichen Unternehmen wie der Stromversorger EDP, PT Telecomunicações oder die Bahngesellschaft CP, der Flughafenbetreiber ANA und auch der Gemeinden Lissabon, Sintra, Porto, sowie der autonomen Regionen Madeira und Azoren. Moody´s begründete die Herabstufung damit, dass sie nicht eine bessere Bonitätsbewertung als das Land, in dem sie wirtschaften, haben könnten. Daraufhin kündigten viele öffentliche Einrichtungen und Unternehmen, u.a. die Rathäuser von Lissabon, Sintra und Porto sowie ANA, ihre Verträge mit Moody´s. Der Präsident der autonomen Regierung von Madeira, João Jardim, kündigte ebenfalls und sagte in seinem üblichen Stil, ,,diese Herren werden nie wieder ein Fuß auf Madeira setzen”.

Die Moody’s-Abwertung führte nicht nur zu höheren Zinsen für Portugal an den Kapitalmärkten, sondern hat auch den Kurs europäischer Großbanken und des Euro zum Dollar negativ beeinflusst. Vor allem die Aktien portugiesischer Kreditinstitute büßten kräftig ein: Die der Banco BPI, Millennium BCP und Banco Espírito Santo stürzten zeitweise um fünf bis sieben Prozent ab.
Die Agenturen Standard & Poor´s und Fitch behielten hingegen Portugals Rating. Was die Frage aufkommen lässt, auf welche Bewertungskriterien Moody´s sich für die Herabstufung stützte, oder ob sie mit ihrer Haltung bestimmte Interessen bediente. Portugals Politiker und Finanzelite greifen Moody´s scharf an und fordern eine Reaktion der EU. Viele glauben, es handelt sich dabei um einen Angriff gegen die EU und den Euro. Portugal diene lediglich als Bauernopfer. So z.B. Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva, der die Herabstufung als ,,vollkommen ungerechtfertigt” bezeichnet. Das EU-Projekt und die Stabilität der EU-Wirtschaft sei durch diese Angriffe gefährdet; die EU-Politiker müssten umgehend reagieren; der Euro müsste geschützt, die EU vom Einfluss der Agenturen befreit werden. Dem stimmt ebenfalls der Wirtschafter und TV-Kommentator Marcelo Rebelo de Sousa zu, der den EU-Politikern vorwirft, stets zu spät zu reagieren. Radikaler ist der ehemalige CDS-PP Parteichef José Ribeiro e Castro: Er ist der Meinung, Portugals Staat sollte Moody´s wegen Verlusten vor Gericht ziehen und Schadensersatz einklagen.

Das Vorhaben der EU-Kommission, eine europäische Ratingagentur einzurichten, wird von der großen Mehrheit von Politikern und Finanzexperten begrüßt. So Finanzminister Vitor Gaspar, der Vorsitzende des Stromversorgungsunternehmen EDP António Mexia oder der Präsident der Banco Espírito Santo Ricardo Salgado. Der Vorsitzende von Portugals Wertpapier- und Markt-Kommission, Carlos Tavares, seit Januar auch Vizepräsident der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, jedoch nicht. Tavares wünscht sich einfach eine größere Konkurrenz unter den Ratingagenturen. Bei ESMA seien bereits 20 Anträge zur Legalisierung von Agenturen eingegangen. Der Markt müsste sich also nicht auf die Bewertungen der drei US-Agenturen beschränken. Des Weiteren sollte die EZB ein eigenes Risikoeinschätzungssystem haben und die Ratings nur als eine weitere Informationsquelle sehen.
José Poças Esteves teilt Tavares Meinung. Der Vorsitzende der portugiesischen Ratingagentur (CPR) bot sich an, ein Rating von Portugal zu erstellen. Derzeit sei die Agentur dabei, sich bei ESMA einzutragen, um künftig auf internationaler Ebene arbeiten zu können. Esteves plädiert für die sofortige Einführung von Eurobonds, eines EU-Finanzministers und die Steuereinheitlichkeit in allen Mitgliedstaaten. Ansonsten drohe der EU das Aus. Die Lösung für die EU-Probleme sei politisch, nicht wirtschaftlich. Doch der EU würde es an politischer Führung fehlen. Die zuletzt getroffenen Maßnahmen, wie die Verabschiedung eines Mindest-Ratings als Vorraussetzung für die Akzeptanz portugiesischer Papiere, sei lediglich Palliativ.
Aber es gibt auch jene, die darauf aufmerksam machen, dass Moody´s nur das ausspricht, was viele Bürger und Experten denken: Dass Portugal Fehler gemacht hat und nun dafür büßen muss. So z.b. die Finanzexpertin und Chefredakteurin der neu erschienenen Wirtschaftszeitung ,,Dinheiro Vivo”, Sílvia de Oliveira, oder der Wirtschaftseditor von RTP Paulo Ferreira.

Die Bevölkerung reagierte mit einem Aufruf zum Versand von Müll (,,Junk”) an Moody´s Sitz in den USA. Im Facebook wurden die Portugiesen dazu aufgerufen, ihren Müll vor dem Sitz der Agentur in Lissabon zu tragen. Hier und da wurden große Müllcontainer mit dem Logo von Moody´s verziert. Hacker stellten auf Moody´s Webseite ein Bild von Portugals erstem König Dom Afonso Henriques und zeigten der Agentur den Mittelfinger. Zeitweise blockierten Portugiesen auch die Seite der Agentur, in dem Tausende von Personen gleichzeitig auf die Seite zugriffen und sie somit lahm legten. Die traditionsreiche Porzellanmanufaktur Faianças Bordalo Pinheiro (s. ESA 3/06 u. ESA 9/09) stellte eine neue Version der bekannten Figur ,,Zé Povinho” auf den Markt. Der Kleine Mann aus dem Volk zeigt nun Moody´s die geballte Faust.
Das erste Mal, dass die EU-Kommission die Handlung der Ratingagenturen in Frage stellte, war im Jahr 2008. Erst jetzt, vier Jahre später, sind die Eindämmung des Einflusses der Ratingagenturen und die Kontrolle ihrer Bewertungsmethoden, sowie die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur im Gespräch. Ob die Welt in Zukunft weiterhin an den Lippen der drei großen amerikanischen Ratingagenturen, Standart & Poor´s, Moody´s und Fitch hängen wird und darauf wartet, ob sie den Daumen heben oder senken, steht noch offen. Die Pläne für eine europäische Agentur sollen bereits weit gediehen sein. Schon im zweiten Quartal 2012 könnte die als unabhängige Stiftung geplante Agentur erste Bewertungen für Staaten vornehmen. Konkrete Maßnahmen zur Regulierung der Ratingagenturen will die EU hingegen schon im November vorlegen.

Anabela Gaspar

ESA 08/11

 

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