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STADTPORTRÄT

Straßen der Ölsardinen
Olhão, die wohl eigenwilligste und konträrste Stadt der Algarve lebt vom Fisch, von Fischerlegenden und vom ungewöhnlichen Reiz eines kubischen Häusermeeres

,,Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen. Man könnte mit gleichem Recht auch sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer ­ es kommt nur auf den Standpunkt an.” John Steinbeck hätte Olhão geliebt, denn hier hätte er ähnliche Charaktere gefunden wie in seinem 1945 erschienenen Bestseller-Roman ,,Cannery Row ­ Die Straße der Ölsardinen”, der das Leben einfacher Leute im kalifornischen Monterey der 1920er und 1930er Jahre einfühlsam und realistisch beschreibt. Anders als das amerikanische Pendant, ist Olhão noch immer eine Kapitale der Fischer. Die quirlige Kleinstadt im Zentrum der Ria Formosa lebt seit der Antike vom Meer ­ Fang, Konservierung und den Verkauf von Fisch praktizierten bereits erfolgreich Phönizier und Römer. Die maurischen Okkupanten verfeinerten die Fangmethoden. Heute ist Olhão der Hauptfischmarkt der Algarve. Wie artenreich und üppig das Angebot ist, zeigt sich bei einem morgendlichen Bummel durch die Fischhalle an der Avenida 5 de Outubro, einem imposanten Backsteinbau direkt am Gezeitenkanal gelegen, welcher die Stadt und die vorgelagerten Inseln Culatra und Armona vom offenen Meer trennt. Einige Hundert Arten Fisch, Muscheln, Schnecken und Krustentiere warten auf Hausfrauen, Köche und staunende ausländische Touristen, die wahrscheinlich noch nie im Leben mit solch einer immensen Auswahl von toten Meeresbewohnern konfrontiert wurden. Von der ordinären Sardine über Brassen, Doraden, Degenfische, Muränen, Seeteufel, Lachs, Garnelen, Taschenkrebsen, Kraken, Schollen, Austern und Rochen reicht das Angebot bis hin zu Haien und 22

gigantischen Thun- und Schwertfischen. Fisch und Meeresfrüchte sind frisch, wurden zwischen Mitternacht und Morgenröte angelandet, in der Großmarkthalle klassifiziert und versteigert und sind von dort in die Fischhalle gelangt, wo sie lokale Verkäufer lautstark und mit witzigen Kommentaren dem Endverbraucher anpreisen. Und während Händler und Käufer noch feilschen, sortieren und flicken flinke Hände im benachbarten Fischereihafen die engmaschigen braunroten Netze, bereiten die pescadores ihre Rapa-Boote für den nächsten Fangeinsatz vor oder hocken gemütlich bei Tinto und Sagres in einer der unzähligen Kneipen, Cafés und Tascas der Bairro da Barreta ­ zwischen Hafenbecken und dem Jardim Patrao Joaquim Lopes, dem schattigen Palmen-Park an der Uferpromenade. Die Casa Sete Estrelas ist zwar kein SterneTempel, aber ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen. Dort verschieben Pensionäre Domino-Steine, führen Polizisten und Pizzabäcker Parlaments-Debatten, diskutieren Fischer, Figaros und Fußball-Fanatiker über die Spiele von Sporting Clube Olhanense gegen Benfica oder Braga, zapft der Patron abwechselnd Roten und Weißen direkt aus dem Fass oder schenkt stilecht Erdinger Weißbier aus. Eine Örtlichkeit wie Steinbecks fiktives Bordell Flotte Flagge findet Mann gleich um die Ecke. Der Name des Etablissements ist unwichtig, doch die dort präsenten Damen, aufgewachsen in Angola, Brasilien oder drei Straßen weiter, machen einen vergnüglichen und allzeit zugeneigten Eindruck. Sinnlichkeit verströmen die labyrinthartigen Gassen und Durchgänge eher nicht, dafür eine intensive Geruchs-Kombination aus Küchendunst, Zweitaktgemisch, Faul-

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gasen, Seetang, Exkrementen, Staub und Verfall, gepaart mit einer gewissen Morbidität. ,,Frühe Hunde schreiten erhaben dahin und wählen weise, kennerisch schnuppernd die Stellen, wohin sie pissen (…) So ist es, Herr Steinbeck, genauso. Eine der alten abgeblätterten Holztüren öffnet sich, wuschlige Hunde oder scheue Katzen spazieren heraus und entleeren Darm und Blase auf abgetretenen holprigen Pflastersteinen. Doch, so ein Bummel durch Olhão hat seinen Reiz, und der liegt im Verborgenen und eröffnet sich dem Betrachter nur beim Betreten der açoteias (Dachterrassen) und mirantes, kleine Ausgucktürmchen, von denen einst die Fischerfrauen nach ihren auf See segelnden Männern Ausschau hielten. Wem es gelingt sich Zutritt zum Kirchturm von Nossa Senhora do Rosário zu verschaffen, dem bietet sich eine grandiose Aussicht über ein Gewirr kubischer Häuser, Flachdächer mit fröhlich in der Südwestbrise flatternder Wäsche, zierlichen Kaminen, Stiegen und Türmchen, die der Stadt ein magisches, orientalisches Flair verleihen, vergleichbar mit den Kashbas von Algier, Tanger oder Marrakesch. 1378 wird ein Ort namens Olham erstmalig urkundlich erwähnt, der aus einem Haufen ärmlicher Hütten bestand. Während des napoleonischen Krieges konzentrierten sich die olhanensischen Fischer gezielt auf Schmuggel und Handel mit Briten, Franzosen und Spaniern und schufen so ein Vermögen, das sie konsequent in den Bau von Kirchen und soliden Steinhäusern investierten. Die Architektur übernahmen sie aus Nordafrika, die war eben kubisch, praktisch und gut. Im ehemaligen Edifício do Compromisso Marítimo, dem Versammlungshaus der Fischer am Ende der Rua do Comércio,

befindet sich jetzt das Museu da Cidade mit einigen beeindruckenden Exponaten über die maritime Vergangenheit der Stadt. Zu sehen ist auch das Modell der Bom Sucesso, jener legendären Caiqué, die 1808 nach Brasilien segelte, um dem dort im Exil lebenden König den Sieg über Napoleons Truppen zu verkünden. Olhão prosperierte, wurde reich durch Fisch. 1892 öffnete die erste Konservenfabrik, weitere folgten. 1935 gab es 37 Fabriken in denen in Öl eingelegte Sardinen und Thunfisch abgepackt wurden. Von diesem Boom zeugen die protzigen Bürgerhäuser entlang der Avenida da Républica, nach wie vor Boulevard und Flaniermeile der umtriebigen Stadt. Die glorreichen Zeiten sind allerdings längst passé, heute existieren nur noch zwei Fabrikationsbetriebe, doch die reichen scheinbar aus, um ganz Portugal mit Ölsardinen Made in Olhão zu beliefern, wobei Marktführer Conserveira do Sul unter dem biblischen Namen Manná das umfassendere Sortiment anbietet. Dass man Fabrikruinen auch sinnvoll nutzen kann, beweist die zum Auditório de Olhão umgebaute Konservenfabrik Ramires. Die Renovation verschlang 5,2 Millionen Euro, 70 % der Kosten trug ­ großzügig wie immer ­ die Europäische Union. Am 21. März 2009 wurde die neue Stadthalle am Fischereihafen mit einem Konzert von Teresa Salgueiro (Ex-Sängerin der Gruppe Madredeus) feierlich eröffnet. Das hätte dem großen amerikanischen Literaten bestimmt auch gefallen. ,,Perlenstunde. Schwebendes Zwischenspiel zwischen Nacht und Tag. Die Zeit hält inne und prüft sich selbst” ein finales Zitat aus Die Straße der Ölsardinen.
Bernd Keiner

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