0810 Lis Stadtplanung

STADTPLANUNG
Als Baixa Pombalina weltbekannt, wurde die Lissabonner Unterstadt ab 1758 wieder aufgebaut und hat ihr Gesicht bis heute nicht verändert

Weltenwechsel
1758 wurden die Pläne für den Neuaufbau der erdbebenverwüsteten Lissabonner Unterstadt genehmigt. Der Wiederaufbau auf den Ruinen war ein konsequentes Gesamtwerk. Grenzen überwanden die Planer mit
von HENRIETTA BILAWER

Innovationen und stehen auch in der Gegenwart Pate für Stadtplaner
espotie verblasst oft im Rückblick, wenn der Name des Unterdrückers an Dinge gebunden ist, die die Welt staunen lässt. Wie bei Sebastião José de Carvalho e Melo, dem Marquês de Pombal. Sein Name steht für den Wiederaufbau der Unterstadt nach dem Erdbeben von 1755, er gilt als Modernisierer. Dabei setzte Pombal, Erster Minister und Regierungschef des Königs D. José I, seine Ziele mit Brachialgewalt durch, ging buchstäblich über Leichen. Ohne Menschen wie ihn aber ,,wäre das weltkulturelle Erbe bescheiden: Es gäbe keine Pyramiden, kein Kolosseum, kein Versailles”, so der Architekturkritiker Hanno Rauterberg. Ohne den Marquês de Pombal gäbe es kein Lissabon, wie es heute ist, das lehrt jeder Reiseführer über die Baixa Pombalina. Stimmt nicht ganz, wie die eindrucksvolle Ausstellung ,,Lisboa 1758 ­ O Plano da Baixa Hoje” zeigt. Der Mann der Stunde am Ground Zero des portugiesischen Spätbarock war Manuel da Maia. Der Chefingenieur des Königs, mit 75 Jahren ein erfahrener Experte, analysierte die Katastrophe nicht, sondern ging pragmatisch mit den Fakten um. Er ,,nutzte den Schockzustand der Menschen für kühne Planspiele”, findet Walter Rossa, Gestalter der Ausstellung. Zu Weihnachten des Schreckensjahres übergab er dem Marquês de Pombal Vorschläge für das, was aus den Trümmern wachsen könnte: Er sah die Stadt als Einheit und dachte über die Grenzen der Ruinen hinaus, ein Weltenwechsel stand bevor. Maias Pläne zeugen von ästhetischem Eigensinn, zweckdienlich und künstlerisch zugleich und sie stützen sich auf Erfahrungen anderer Katastrophenorte, wie Catania, das 1669 nach einem Ausbruch des Ätna weitgehend verschüttet und 1693 von einem Erdbeben ähnlich heimgesucht wurde wie Lissabon. Maia studierte den Großen Brand von London, der 1666 vier Fünftel der Stadt in Asche verwandelte. Die damals in England moderne Architektur ­ Holzfachwerk und Aufstockung der Etagen überhängend auf den darunter liegenden ­ erleichterte den Flammen das Überspringen. Mittelalterliche Steinbauten überstanden den Brand. Bauvorschriften verfügten daher eine Bauweise auf Abstand, Steine und Ziegel als Baustoff und den Auszug feuergefährlicher Werkstätten und Lager aus der Stadt. Maia erfuhr auch: Großzügige Neuentwürfe für Boulevards und italienischen Piazze scheiterten an den Kosten, Grundbesitzverhältnisse behinderten die Planung. Die Lissabonner Schau zeigt alle fünf Pläne, die Manuel da Maia dem Marquês de Pombal

übergab. Der erste sollte, den Status Quo vor dem Beben mit Hilfe der alten Eigentümer wieder herstellen. Maia verstand aber, es werde nie eine exakte Kopie des Verlorenen geben, weil jeder Bauherr sein Haus modernisieren würde. Die Baixa würde zum Kuriositätenkabinett. Auch sinnvolle oder unvermeidliche Änderungen würden ein urbanes Faksimile verhindern ­ der Gedanke beschäftigt heute auch die Wiederaufbauplaner des Berliner Stadtschlosses. Maias zweiter Plan sah vor, die Unterstadt ,,im großen und ganzen” so aufzubauen, wie sie war, aber mit breiteren, begradigten Straßen. Zerstörte Kirchen könnten an alter Stelle wieder entstehen, um Ärger mit dem Klerus über eine Profanation von Kirchengrund zu vermeiden. Die dritte Alternative war eine Reißbrett-Stadt mit zweistöckigen, völlig gleichen Gebäuden in breiten, begradigten Straßen. Das klassische Spiel der Fassaden und Materialien würde verschwinden, außerdem müssten die Eigner für die reduzierte Nutzfläche entschädigt werden. Das führte Maia zum vierten Entwurf, der sich vom dritten durch Individualität unterschied: Bis zu vier Stockwerke wären möglich, Verandas, Erker, Mansarden, unterschiedliche Fassaden, dazu neue, gerade Straßen mit luxuriöser Weite, in geometrischer Ordnung, rechtwinklig. Der fünfte Ansatz zeigt Maia als Visionär: Eine Nova Lisboa an einem anderen Ort, kilometerweit flussaufwärts in Belém oder Alcântara, das Idealstadtprojekt fernab der alten Probleme und auf Terrain, dass vom Erdbeben verschont geblieben war. Eine ganz neue Kapitale, wie in Russland, wo fünfzig Jahre zuvor der Zar den Bau von Sankt Petersburg angeordnet hatte. Der Namensteil ,,Vila Nova” zeugte auch im eigenen Land von geplant entstandenen Orten. Manuel da Maia gab seine Pläne einem Dutzend junger Architekten und ermutigte sie, an eine Hauptstadt ,,ex tabula rasa” zu denken, eigene Utopien einzubringen. Portugals erste Schulen für

Bauzeichner, die ,,Casas do Risco” entstanden. Der vierte Entwurf Manuel da Maias, mit Eugénio dos Santos und dem Ungarn Carlos Mardel (Martell Károly) als Architekten, wurde schließlich Basis für die Baixa. Die Entscheidung fiel nach drei Jahren: Was in der Zeit geschah, liegt im Dunkel. Auf der Ausstellung verdeutlicht eine begehbare Black Box das auf sehr anschauliche Weise und legt nahe, Eigentumsverhältnisse wurden nicht eben zimperlich neu geordnet und Verträge für die BauUnternehmung wenig transparent ausgehandelt. Zum 250. Jubiläum der Wiederaufbaupläne möchte der Rat der Stadt nun die Diskussion um die Zukunft der Lissabonner Unterstadt beleben, bestätigt Baustadtrat Manuel Salgado. Die Schau, eine der größten temporären Expositionen, die es bisher in Lissabon gegeben hat, sei ,,keine Ausstellung über Geschichte oder Architektur, sondern über Städtebau und Planung für den öffentlichen Raum”, erklärt Walter Rossa. In der Baixa ,,sind die Themen im Grunde die alten”: Das Zeit- und Raumgefühl hat sich verändert, doch noch immer gehe es darum, ,,das gewachsene Verlangen nach dem Bleiben des Realen zu schützen und gleichzeitig renovierte Altsubstanz modernen Bedürfnissen, auch denen nach Sicherheit, anzupassen”, sagt der Baustadtrat. Die Ausstellung an der Praça do Comércio zeigt die aktuellen Versuche, mit dieser Dichotomie umzugehen. Rund um einen begehbaren Stadtplan der Baixa präsentiert die Schau Pläne zur Stadtteilsanierung seit den 1940er Jahren bis heute. Entwürfe großer Architekten wie Álvaro Siza Vieira stehen neben Ideen von Studenten. Die Besucher können interaktiv an den Szenarien teilnehmen, sind an einem Computer aufgerufen, sich mitzuteilen. Eine Neuerung scheint bereits klar: Der Pátio da Galé wird von nun an als Ausstellungshalle des Stadtmuseums genutzt.

Lisboa 1758 O Plano da Baixa Hoje
Páteo da Galé (Westseite der Praça do Comércio) tägl. 11 h – 19 h Info und Reservierung einer Führung durch die Ausstellung: Tel.: 217 988 983 oder 217 988 996.

Ein einziges Buch von 1910, heute in den Beständen des Nationalarchivs Torre do Tombo, beschreibt Leben und Wirken von Manuel da Maia

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