0805 Wein

WEIN

Portugal und seine großen
Teil 3
Piódão: historischer Ort mit schiefergedeckten Steinhäusern

Mit gewaltigen Investitionen in die Weinberge, dem Einbau moderner Kellertechnik und dem Wirken einer neuen, sehr kreativen Generation von Önologen entstand in Portugals Weinherstellung eine vibrierende Aufbruchstimmung wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. Heute sind die edlen Tropfen aus dem atlantischen Land in aller Welt begehrt. Rolf Osang stellt die geschützten Anbauregionen zwischen Minho und Algarve vor

Weine

Bragança

Bairrada, Dão & Co.
Wo kräftige, langlebige Weine und beste Schaumweine gedeihen
aum hat man eine Hügelkette überwunden, fällt der Blick in eine ganz andersartige Landschaft: Kesseltäler im Wechsel mit schroffen Bergkämmen, Flussauen ziehen dahin, Wälder wechseln sich mit Ödland ab, und immer wieder liegen Riesenfelsen wie von Zauberhand hingestreut auf von Maccie bewachsenen Hügeln. Dazwischen breiten sich die Weinfelder der Beiras aus. Vom Atlantik bis in die zentraliberische Meseta reicht diese Region. In ihr finden sich Städte wie Viseu, Guarda, Coimbra und Castelo Branco. Schwere Lehmböden vermischt mit Kalk, hie und da auch Granit und Schiefer, und ein schwieriges Klima mit viel Hitze im Sommer und frühen Regen im Herbst bereiten den Winzern Kopfzerbrechen. Das hindert sie nicht, hervorragende Weine zu erzeugen. Knallende Korken Die Landwein Appellation heißt Vinho Regional Beiras, und in ihr sind die DOCs Bairrada, Dão, Távora-Barosa und Beira Interior zuhause. DOC ist nur bedingt ein Qualitätsmerkmal. Denn auch unter der Bezeichnung Landwein (Vinho Regional) findet man ausgezeichnete Weine ­ wie

Porto

Duriense

3
Castelo Branco

Estremadura

Portalegre

Lissabon

Porto Santo

Terras do Sado

Madeira

Graciosa Pico

Terceira Faro

Azoren
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ESA 05/08

gans der DOC anlegte und seine begehrten Spitzenweine als Landweine ,,Vinho Regional Beiras” vermarktet. Edelklasse auf kargen Granitböden 20.000 Hektar Rebfläche auf hügeligem bis bergigen Gelände entlang des Dão-Tals formen ein Anbaugebiet, das zu den hochkarätigsten der gesamten Iberischen Halbinsel zählt. Hier wurden Weine schon in vorchristlicher Zeit produziert. Viseu war das Zentrum einer Anbauregion, die im Mittelalter Weine nach ganz Europa exportierte. Nach dem Reblaus-Desaster im 19. Jahrhundert kauften die Franzosen am liebsten die Weine der Dão-Region, weil sie dem tieffarbigen Bordelais glichen. Dann aber gerieten diese Weine ziemlich in Vergessenheit, auch, weil die Genossenschaften mit gesetzlicher Hilfe die Privatgüter aus dem Rennen warfen und 95 Prozent der Produktion in mittelmäßiger Qualität fertigten. Man gab den ertragsreichen Sorten Bastardo und Tinta Pinheira den Vorzug und verzichtete leider auf den Anbau der aus dieser Region stammenden Traube Touriga Nacional. In den Achtzigerjahren prägte sich aber auch unter den Genossenschaften ein neues Bewusstsein aus, und als in den Neunzigerjahren endlich Kapital in neue Anlagen floss, horchte die Weinwelt beim Namen Dão wieder auf. Jetzt werden auch Cuvées gemischt mit Touriga Nacional, Castelão Nacional und Cabernet Sauvignon, wobei die letztgenannte französische Traube eine feine Abrundung besorgt. Die Beiras im Aufwind Heute spricht man geradezu von einem DãoBoom. Große Weingüter wie die Casa de Santar haben sich zu Zielen des Weintourismus entwickelt. Für jeden Kenner ist es faszinierend zu sehen, auf welch unterschiedlichen ­ und oft kargen ­ Böden die herrlichsten Weine in so wunderschönen Landschaften wie bei Guarda am Rande der Serra da Estrela gedeihen. Getrost kann man behaupten, in den Beiras wache das vielleicht größte Wein-Potential Portugals soeben auf. Auf neue Weine darf man gespannt sein.

in den anderen Anbauregionen Portugals auch. Eine Besonderheit der Beiras sind ausgezeichnete Schaumweine, vor allem aus dem TávoraGebiet, hergestellt in traditioneller Manier, als ,,Champagner-Methode” bekannt. Darunter findet man Sekte, die es mit französischen Edelmarken aufnehmen können. Aufwachen Lange war in den Beiras die Weinproduktion eine namenlose Massenherstellung. Die garantierten Absatzmärkte im portugiesischen Imperium, von Brasilien bis Mocambique, machten ein Qualitätsbewusstsein scheinbar überflüssig. Sieht man von den weltberühmten Weinen des Palasthotels Buçaco ab, galt diese Faustregel bis in die 80er-Jahre. Dann trat ein Wechsel ein, der jedoch erst in der Mitte der 90er-Jahre so richtig zum Tragen kam. Baga Die Hauptrebsorte vor allem in Bairrada ist die Baga mit einem Anteil von über 90 Prozent. Winzer brauchen den Mut, sie so spät wie möglich zu ernten, um ,,harte” Weine zu vermeiden. Ihr größter Vorteil: Die Baga resultiert Rotweine, die extrem gut altern ­ oft kommt die Wahrheit erst nach zehn bis 15 Jahren an den Gaumen! Dann entfalten sich die gepflegten Weine, werden tief und geheimnisvoll, denn zuviel sperriges Tannin macht Aromen von Schattenmorellen, Tabak, Eukalyptus und Pinien Platz. Großmeister Luís Pato Gerne werden diese Worte des Önologen Pato zitiert: ,,Ein gut gemachter Baga ähnelt in seiner Jugend einem Barolo, im Alter trägt er die feinen und komplexen Züge eines Burgunders.” Dieser legendäre Weinmacher hat seine eigenen und äußerst hohen Ansprüche. Kein Wunder, dass er sich mit den Offiziellen des Kontrollor-

In einer intakten Natur wächst die Traube für einen exzellenten Wein

Blick von der Serra da Estrela auf das Weinland bei Viseu

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