0801 Gorch Fock

AUF SEE

Meterhohe Wellen bei denen es den Seeleuten schwer fällt, So sieht es von oben aus sich auf den Beinen zu halten

Der Doktor auf dem Fußpferd
Das Segelschulschiff Gorch Fock war erneut zu Gast in Portimão und ESA durfte sich an Bord umsehen. Dabei gewährte der Schiffsarzt Dr. Wolfgang Fohr einen Einblick in das Bordleben und das Studium der Medizin auf schwankenden Planken
von: JOCHEN KRENZ ährend Medizinstudenten gewöhnlich im warmen und trockenen Hörsaal der Vorlesung lauschen, gibt es junge Männer und Frauen, die einen anderen Weg gehen. Sie wählen gewissermaßen die kalte und nasse Alternative. Sie beginnen bei der Marine als Offiziersanwärter und werden dort Mediziner. Das bedeutet, sie machen die ganz normale Grundausbildung auf dem Segelschulschiff Gorch Fock. Auch als angehende Ärzte schuften und frieren sie bei Wind und Wetter an den Schoten und Brassen, klettern bei schwankendem Schiff in die Masten und balancieren zum Segelbergen wie bei einem Drahtseilakt auf den sogenannten Fußpferden entlang. Und das macht auch Sinn, erklärt Dr. Fohr. Sein offizieller Titel ist Oberstabsarzt, also Major. Damit ist er einer der ranghöchsten Offiziere auf der Gorch Fock: ,,Weil ich als Kadett auch auf den Fußpferden entlangklettern musste, weiß ich erst richtig, wie gefährlich das ist. Und dadurch habe ich erfahren, welche körperliche Belastung Matrosen zugemutet werden darf. Nicht zuletzt ist das auch für Diagnose und Therapie bei einer Verletzung wichtig.” Zum Glück sind aber die Zeiten von Kapitän Hornblower vorbei: Die neuen Matrosen werden nicht gleich am ersten Tag in den Mast gescheucht. Um in schwindelnder Höhe in der Takelage zu arbeiten, erfolgt eine ausgiebige Vorbereitung. Und auch dann wird der Mast zunächst beim stehenden Schiff erklommen, und zwar Schritt für Schritt. Trotzdem, in Hochhaushöhe auf einem Seil zu balancieren, das ist gewöhnungsbedürftig. Dazu noch bei Nacht. Auch das muss geübt werden, weil das Schiff natürlich auch nachts weitersegelt. Das alleine hört sich noch nicht besonders spektakulär an. Nun muss man aber bedenken, dass die Masten der Gorch Fock etwa 40 Meter hoch sind, dass das Schiff normalerweise im Seegang schwankt wie ein bockender Mustang, und dass diese Schwankung bei einer Seitenlage von nur 20 Grad dazu führt, dass die Mastspitze 30 Meter (!) hin und her bewegt wird. Noch abenteuerlicher ist es, dass sich dort oben Seeleute halten können, und eine ganz erstaunliche Leistung, dass sie dabei auch noch arbeiten. Da ist es ein beruhigendes Gefühl für die

In schwindelnder Höhe in der Takelage zu arbeiten ist gewöhnungsbedürftig. Die Kadetten benötigen viel Übung
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ESA 01/08

Fotos: Gorch Fock-Archiv, Jochen Krenz

Kadetten auf dem Fußpferd in schwindelnder Höhe

Der Schiffsarzt im Lazarett Einer der kleinsten Operationssääle der Welt

jungen Leute, dass der Schiffsarzt bei der Vorbereitung dabei ist. Vor allem aber, dass er auf See an Bord ist. Trotz aller Vorsicht und Absicherung ist ein Unglück nie ganz auszuschließen. Bei der neunmonatigen Reise, die diesmal hinter dem Schulschiff liegt, ist aber zum Glück nichts geschehen. ,,Was hoffentlich so bleibt”, beschwört Dr. Fohr die Zukunft, ,,die schwierige Rückreise nach Kiel liegt noch vor uns.” Und das im stürmischen Winter. Im allgemeinen bestimmt aber normale Routine die Arbeit des Schiffsarztes. Auf See hat er eine tägliche Sprechstunde. Bei einer Besatzung von etwa zweihundert Seeleuten gibt es für einen Arzt immer etwas zu tun. Kälte und Salzwasser fordern ihren Tribut in Form von Hauterkrankungen, Grippe oder Erkrankungen der Atemwege. ,,Aber nicht mehr die alte Seefahrerkrankheit Skorbut, Vitaminmangel?”, fragen wir. Dr. Fohr lacht: ,,Das zum Glück nicht mehr. Die Verpflegung auf der Gorch Fock ist ausgezeichnet, davon hätten die alten Seefahrer nicht einmal zu träumen gewagt.” Auf einem Segelschiff gibt es nicht viel Platz, und außer der Takelage ist alles klein. Trotzdem hat der Schiffsarzt ein Lazarett zur Verfügung, eine Intensivstation, die sogar kleinere Operationen ermöglicht. Sie erinnert eher an den Operationssaal einer Puppenstube, besitzt aber wie in einem Rettungswagen alles Notwendige, um Verletzte zu versorgen. Erstaunlich, was alles auf engem Raum untergebracht werden kann. Das Lazarett liegt fast genau in der Mitte des Bootes. Das ist der Punkt, der beim ständig schwan-

kenden Segelschiff noch der ruhigste ist. Der relativ ruhigste. ,,Falls aber auch das zu unruhig für eine Operation ist”, sagt der Oberstabsarzt, ,,wird der Kapitän vor dem Wind segeln und das Boot stabiler halten.” Jedenfalls, so gut es geht. Das Drama ist leider folgendes: Bei ruhiger See verletzt sich kaum jemand ­ Unfälle passieren eher bei rauer See, bei einer See, in der das Schiff gegen Wind und meterhohe Wellen ankämpft und wo es den Seeleuten schwer fällt, sich selbst auf den Beinen zu halten. In solch einer Situation einen Verletzten fachgerecht zu verarzten, das ist hohe Kunst und gleicht einem akrobatischen Akt. Trotz der Strapazen und der Gefahren bei schwerer See gibt es sehr viel mehr Bewerbungen für ein Studium bei der Marine, als Stellen vorhanden sind. Da stellt sich die Frage, warum dies so ist. Die Antwort ist einfach: Für viele junge Leute überwiegen die Vorteile. ,,Zum einen”, so Dr. Fohr, ,,spielt sicherlich die Abenteuerlust eine Rolle. Die Chance, auf einem Segelschiff fremde Länder zu sehen.” Zum anderen darf auch die finanzielle Seite nicht unterschätzt werden. Während ein ziviles Studium privat finanziert werden muss ­ nach dem man häufig gut verdient ­ bekommt man bei der Marine während des Studiums ein Gehalt und ist damit finanziell abgesichert. Dafür muss man sich allerdings für bis zu 16 Jahre Militärlaufbahn und einen überschaubaren Sold verpflichten.
In ESA 10/04 können Sie nachlesen, was der Kapitän über sein Schiff berichtete

Bei Sturm kann der Kapitän vor dem Wind segeln und das Schiff ruhiger halten, wenn es für eine Operation notwendig wird

Oberstabsarzt Dr. Fohr

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