0711 Fl Pavilhao Altantico

FEUILLETON

1001 Kleinigkeit
Logistisches Zentrum und Ort zahlreicher Konferenzen der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft ist der Pavilhão Atlântico im Lissabonner Parque das Nações. Das Organisationsteam vollbringt mit diskretem Fleiß kleine Wunder hinter den Kulissen
omputercrash ist ein Wort, das man in der Nähe von Jaime Leitão nicht einmal denken darf. Es würde die stets gute Laune des Diplomaten abrupt beenden. Leitão ist im Auftrag des portugiesischen Außenministeriums in eine Rolle geschlüpft, die seine berufsbedingte Verhandlungsfähigkeit bis auf Äußerste fordert: Er ist zuständig für die Logistik der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft. Das graue Oval des Pavilhão Atlântico am Tejoufer ist bis Ende des Jahres so eine Art Hauptquartier Europas und ohne Computer geht hier nichts. Neulich war ein Fernsehteam hier, das keine Politiker filmen wollte, sondern nur, wie die Fäden hinter den Kulissen gezogen werden. Das hat Leitão erfreut, denn ,,eigentlich nehmen ja nur dann alle die Logistik wahr, wenn was schiefgeht”. Gerade sind Gipfeltreffen zum EU-Grundlagenvertrag, mit der Delegation um Russlands Präsidenten Wladimir Putin und mit der ukrainischen Führung vorbei. Leitãos vierzig Mitarbeiter kümmern sich um alle Einzelheiten: Von der Dekoration der Säle über die Hotels für die Delegierten aus 25 EU-Staaten und fünf Beitrittskandidaten bis hin zur Fahrbereitschaft. Das übernehmen Busse. Beim Transport zu den Tagungsorten würde sonst ein gut viertausend Autos zählender Korso durch Lissabon fahren, so viele, wie ,,auf der gesamten Avenida da Liberdade Platz hätten”. Der Tejo-Saal, mit 2.200 Quadratmetern der zweitgrößte im Pavilhão Atlântico und für die EU in ein dreistöckiges Konferenzzentrum verwandelt, wird auf die Außenministerkonferenz am 5. und 6. November vorbereitet. Im Dezember folgt der Afrika-Gipfel. Es wäre aber falsch zu glauben, nur Treffen auf höchster Ebene brächten Arbeit. Im Halbjahr der Ratspräsidentschaft finden fast täglich Gesprächsrunden von EU-Beamten im Pavilhão Atlântico statt. Bis Jahresende werden 50.000 Menschen hier einund ausgegangen sein, knapp fünftausend davon sind Journalisten. Manchmal scheint es Leitão, alle ,,erscheinen auf einmal und wollen ihre Daten gleichzeitig verschicken”. Er kommt auf sein Lieblingsthema zurück: ,,Die Kommunikationstechnik ist solide”. Natürlich bringen Journalisten ihre Laptops mit. Für alle Fälle stehen zweihundert Notebooks zur Verfügung, natürlich mit drahtlosem Internetzugang. Alle Räume verfügen über DSL-Anschlüsse. ,,Wir haben konkurrenzlos Vorbildliches zu bieten.” Im Vergleich zur ,,deutschen Ratspräsidentschaft hat sich manches geändert”. Schließlich habe Portugal bei der Verbreitung von Informationstechnik nicht umsonst international Spitzenpositionen erreicht. Ansonsten ,,regiert der Rotstift”, lächelt Leitão. Alle Ausgaben während einer EU-Ratspräsidentschaft trägt das amtierende Land. Portugal bringt einen Etat von 51 Millionen Euro auf. Ein halbes Dutzend von Leitãos Leuten hat schon die Ratspräsidentschaft des Jahres 2000 betreut und damals ein großzügiges Budget genossen. ,,Erfahrung ist ein sehr zerbrechliches Konzept”, so der Chef vielsagend. Damals nahmen nur 15 EU-Mitgliedsländer teil, das ,,Geld hat sich seither aber nicht verdoppelt”. Das habe Improvisationstalente mobilisiert. Offizielle Sponsoren mussten mindestens 250.000 Euro investieren. Das ist es einigen Telekommunikationsfirmen wert und Treibstofflieferanten, die den EU-Fuhrpark betanken. Kellner für ein Buffet während der Sitzungspausen waren nicht drin, so brachte Leitão Getränke- und Backwarenhersteller dazu, Geräte aufzustellen und deren Inhalt, Kaffee, Wasser, Limo, Gebäck und Snacks, zu spenden. Schließlich hätten auch Lieferanten nicht oft Gelegenheit, ihre Ware auf internationales Parkett zu bringen. Für Mittagessen kann Leitão ,,höchstens 25 Euro pro Person” ausgeben; Abkommen mit Unternehmern wie Joe Berardo sichern den Ausschank von Spitzenwein zum Sonderpreis. Die Wirte der Lokale im Parque das Nações hatten bessere Geschäfte erwartet. ,,Klar, dass wir nicht mit Europas Krawattenträgern rechnen konnten”, sagt eine Cafébesitzerin. Aber dass die Krise das EU-Parkett erreicht haben soll, macht ,,betroffen”. Eine Gruppe Journalisten zieht vorbei in Richtung Pavilhão Atlântico. Die Wasserflaschen, die sie tragen, stammen offensichtlich aus dem Supermarkt nebenan.
Henrietta Bilawer

Foto: hb

Der Pavilhão Atlântico am Ufer des Tejo

,,Eigentlich nehmen ja nur dann alle die Logistik wahr, wenn was schiefgeht”

ESA 11/07

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