Natur vor dem Objektiv

Dr. Manfred Temme beschreibt in der ESA die Vogelwelt der Algarve. Dabei machen die gefiederten Bewohner und Gäste der Region nur einen Teil von Arbeit und Hobbys des Biologen aus. ESA-Redakteurin Henrietta Bilawer sprach mit Dr. Temme

ESA: Herr Dr. Temme, Sie feiern ein nicht alltägliches Jubiläum: Seit 50 Jahren beschäftigen Sie sich mit Tierfotografie. Wie kam es dazu?
Dr. Temme: Ich habe mich schon als kleiner Junge für die Natur interessiert. In der Gegend um meine Heimat Münster habe ich Vögel beobachtet und versucht, ihre Stimmen zu unterscheiden. Ein guter Bekannter war Förster, von ihm habe ich viel gelernt. Gleichzeitig wollte ich meine Beobachtungen immer fotografisch dokumentieren.
… und haben sich entschieden, die Tierwelt zu ihrem Berufsfeld zu machen?
Nein, das entwickelte sich im Laufe der Zeit. Ich bekam Kontakt zur Vogelwarte auf Helgoland und absolvierte ein Praktikum auf der Insel Scharhörn. Dieses Eiland liegt in dem Bereich, der seit 1990 den Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer bildet. Scharhörn ist nur zwanzig Hektar groß und unbewohnt. Besser gesagt, dort lebt nur ein Vogelwart. Dem habe ich 1960 und 1961 im Sommer einige Monate assistiert. Die Küstenlandschaft dort ist ein wichtiges Rastund Mausergebiet für Seevögel. Enten, Gänse, Watvögel, und natürlich Möwen finden sich zu Hunderttausenden ein, auch der Säbelschnäbler und der Austernfischer, die wir ebenfalls in der Algarve antreffen. Auf Scharhörn habe ich wissenschaftlichen Vogelfang betrieben und Tiere beringt, um sie weiter systematisch beobachtbar zu machen.
Herr Dr. Temme, Sie verbringen zwar Teile des Jahres in der Algarve, aber sonst leben Sie auf Norderney. Sie pendeln also zwischen Nord und Süd, von Küste zu Küste.
Ja, auf Norderney lebe ich seit über vierzig Jahren. Dort kann ich ornithologische Forschungen direkt vor der Haustür betreiben. Für einige Jahre habe ich die Insel allerdings verlassen und Biologie an der Bowling Green State University in Ohio studiert.
Mit welcher Vogelart beschäftigte sich Ihre Doktorarbeit?
Mit keiner. Ich habe über die Populationsdynamik der Polynesischen Ratte der MarshallInseln promoviert. Die Inselgruppe im Westpazifik umfasst über tausend teils winzige Inseln. Die USA führten dort in den 1950er Jahren an die siebzig Atombombentests auf den Atollen Enywetok und Bikini durch. Bekanntermaßen beeinflusst atomare Strahlung alle Lebewesen. Für mich als Forscher war es damals eine einmalige Gelegenheit und von großem Interesse, die Auswirkungen der Strahlung auf die Ratten der Inseln zu untersuchen. Dabei stellte ich Veränderungen der Gaumenfalten fest. Diese Veränderungen variierten in ihrer Ausprägung abhängig davon, wie hoch die Strahlenbelastung war. Hunderte von Tieren wurden untersucht. Das ist aber nicht so unappetitlich, wie es sich anhören mag. Ich habe außerdem einige Forschungsaufenthalte auf Sri Lanka, Hawaii, den Philippinen und Indien gehabt und reise noch immer gerne. Etwa alle zwei Jahre zieht es mich nach Südamerika, nach Brasilien oder Mexiko, zur Naturbeobachtung.
Verraten Sie uns etwas über die Fotografien dieses halben Jahrhunderts?
Nun ja, anfangs hatte ich eine Fotoausrüstung, die aus heutiger Sicht sehr einfach war; ich habe zunächst Schmetterlinge fotografiert. Wenig später begannen meine ornithologischfotografischen Betrachtungen: Ich hatte dazu größere Objektive. In der Nähe meines Elternhauses gelangen mir brauchbare Bilder von einem Fitislaubsänger. Als Nächstes kam der Kiebitz vor die Linse, damals im Münsterland ein Charaktervogel auf den Viehweiden. Nach einigen Jahren habe ich meine Arbeit systematisiert, man könnte das als Hohe Schule der Tierfotografie bezeichnen. Ich begann, in Fotoserien die Ausdrucksbewegungen von Möwen und Seeschwalben zu protokollieren, um vergleichende Untersuchungen über Verhaltensweisen der Vögel zu dokumentieren. Das ist schwierig, da Vögel undankbare Fotomodelle sind: Das Geschehen verlief mal hier, mal dort, aber eben nicht immer in der Nähe der Kamera. Ich habe viele Stunden in Unterständen, im Unterholz oder an anderen, nicht immer bequemen Orten zugebracht. Wer Tiere fotografieren möchte, braucht viel Zeit und viel Geduld. Und auch ein Quentchen Glück, um vor Ort zu sein, wenn sich etwas Interessantes tut.
Wie sah das Fotomaterial aus?
Damals dominierten Schwarzweißbilder. Für Dokumentationen reicht das völlig; in wissenschaftlichen Journalen wird so bis heute publiziert. Über die Jahre erschienen viele meiner Aufnahmen in Fachzeitschriften. Ich darf verraten, dass einige Fotos prämiert wurden. Mittlerweile fotografiere ich auch Säugetiere, Insekten, Pflanzen und Landschaften. In meinem aktuellen Projekt untersuche ich die Ernährungsgewohnheiten verschiedener Schwalbenarten in unterschiedlichen Lebensräumen anhand ihrer Verdauungsrückstände. So hat das bisher niemand erforscht. Aber das ist genug Stoff für eine weitere Unterhaltung ….
Wissenschaftliches Interesse, Beruf und Hobby gehen ineinander über …
Ja, wenn ich auf Norderney bin, halte ich Diavorträge über Themen aus der Natur und habe jahrelang Wattexkursionen für Schüler aus Biologie-Leistungskursen geführt. Ehrenamtlich arbeite ich in der Niedersächsischen National parkverwaltung auf Norderney und beteilige mich an der Erfassung der Brut- und Zugvogelarten. Meine ornithologische Arbeit findet sich auch in einigen Büchern, die vergriffen sind. Ich denke aber über Neuauflagen nach.
Gibt es andere Hobbys im Hause Temme? Ich liebe die Musik, spiele Akkordeon und Elektro-Klavier. Das habe ich mir beides selbst beigebracht. Allerdings gehören zur guten Musik auch liebe Mitmenschen: Ich spiele Saxofon in der Feuerwehrkapelle von Norderney und freue mich immer über Gelegenheiten zum Musizieren. Das klappt auch in der Algarve.
Herr Dr. Temme, eine letzte Frage: Was raten Sie Menschen, die mit der Kamera auf Vogeljagd gehen wollen?
In erster Linie sage ich: Genau das darf die Tierfotografie niemals werden ­ Eine Jagd. Im Zweifelsfall muss der Naturschutz vorgehen. Wenn Nester, Gelege oder Jungvögel in Gefahr sind oder Vogelansammlungen gestört werden könnten, muss auf das Fotografieren verzichtet werden. Auch bei Planungsverfahren zu Baumaßnahmen, die mit Eingriffen in wertvolle Naturräume verbunden sind, muss äußerste Vorsicht oberstes Gebot sein.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Temme.

 

ESA 01/07

 

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