Vom Weinberg zum Symbol der Staatsmacht

Der kleine Ort Belém bei Lissabon entwickelte sich seit Beginn der Entdeckungsfahrten zu einer Adresse mit Prestige. Ein Adliger erwarb dort vor rund 450 Jahren von der Kirche ein Stück Land und baute eine Villa, die zur Residenz von Königen und Präsidenten wurde

Als Ort für sommerliche Erholung, kleine Ausflüge, Refugium für königliche Abenteuer sowie als Residenz der Staatsoberen hat der roséfarben getünchte Palast im Stadtteil Belém Jahrhunderte portugiesischer Geschichte miterlebt und sogar das Erdbeben von 1755 überstanden. Die letzte Mahlzeit der Monarchie fand hier statt, dann richtete sich die Demokratie in dem Prachtbau ein. Heute ist der Palácio de Belém Residenz des portugiesischen Staatspräsidenten. Nach seiner Vereidigung wird in diesem Monat Aníbal Cavaco Silva als sechster Amtsinhaber seit der Nelkenrevolution hier einziehen.

Mitte des 16. Jahrhunderts erwarb der Aristokrat Manuel de Portugal ein Stück fruchtbares Land neben einer berühmten Großbaustelle: Wenige Schritte weiter westlich entstand das Jerónimo-Kloster. Das Grundstück hieß Quinta do Outeiro das Vinhas, zu deutsch: Weinberg. Es gab dort Quellen und öffentliche Brunnen, deren Wasser noch heute die Zierfontänen im Jardim da Cascata hinter dem Palast speisen. Der damalige Lissabonner Vorort Belém war Residenz reicher Bürger und Adeliger (s. ESA 3/05), die eine Herberge direkt an Fluss und Strand ihr Eigen nennen wollten. Das herrschaftliche Sommerhaus mit seinen fünf, dem Tejo zugewandten Gebäudeteilen und verspielt angelegten Gärten, das Manuel de Portugal errichten ließ, wurde später durch einen Privat-Kai mit dem Fluss verbunden. Die Gazeta de Lisboa, eine der ältesten Zeitungen Portugals, berichtete regelmäßig und ausführlich über das Leben des Adels am Tejo.
Nach Manuels Tod erbten die Grafen von Aveiras das Anwesen. Erstmals residierte mit Dona Catarina de Bragança für zwei Jahre ein Mitglied des Königshauses in dem Gebäude. Fünfundzwanzig Jahre später, um 1720, erwarb König Dom João V das Anwesen, das von da an im Besitz der portugiesischen Könige blieb. Damals war die Bezeichnung Palácio das Leoneiras geläufig, da Säulen und Reliefs mit Darstellungen von Löwen das Anwesen schmückten ­ Symbol für Weisheit und Macht. Royale Bälle und andere Feste fanden statt, die Gäste des Königs wurden hier untergebracht. Der Regent ließ den Garten umgestalten, in dem lange Zeit Obstbäume dominierten, mit deren Erträgen andere Paläste versorgt wurden. Bildhauer schufen Statuen für die Außenanlagen. In jener Zeit erhielt die Fassade des Palastes ihren charakteristischen rosafarbenen Anstrich.

Am Tag des verheerenden Erdbebens an Allerheiligen 1755 verbrachten König Dom José und seine Familie den Feiertag hier, was ihnen das Leben rettete: Die Monarchen flüchteten sich in den Garten, der Palast wurde kaum beschädigt. Doch der König fühlte sich in Mauerwerk nicht mehr sicher und residierte monatelang in vornehmen Zelten im Garten des palácio. Nach einem Treffen mit einer Mätresse und daher ohne Eskorte, fiel Dom José einem Attentat zum Opfer: Auf dem Weg in seine noble Zeltstadt wurde er angeschossen. Die Verschwörer, Mitglieder des Hochadels, wurden gefasst und zum Tode verurteil; Am Palast errichteten die Vollstrecker einen Scheiterhaufen, die Asche der Attentäter wurde auf dem Tejo verstreut. Die Königsfamilie zog in den aus Holz gebauten Fürstensitz Real Abarracamento da Ajuda um. Belém wurde restauriert und umgebaut. Seither hat sich das Bau-Ensemble kaum verändert; nur ein Reitstall kam hinzu, in dem nun das Kutschenmuseum Museu Nacional dos Coches untergebracht ist.

Im März 1826, so der Volksglaube, starb König Dom João VI an einer vergifteten Orange aus dem Garten des Palastes. Erst seine Nachfolgerin Dona Maria II machte das Gebäude in Belém um 1839 zur offiziellen Residenz der portugiesischen Könige, seit jener Zeit gilt der Name Palácio de Belém. Feuerwerk zu den Feiertagen der Schutzpatrone Lissabons wurden hier veranstaltet. Ab 1864 wurde der Palast mit Gaslampen beleuchtet. Das Wasser aus den Quellen speiste jetzt das erste Leitungssystem des Palastes. Prinzgemahl Dom Fernando liebte diesen Ort so sehr, dass der Platz vor dem Kutschenmuseum seinen Namen erhielt: Praça D. Fernando, heute Praça Afonso de Albuquerque.
Im Palast residierte seit 1886 König Dom Carlos. Die kunstsinnige Monarchenfamilie engagierte die berühmtesten Maler der Zeit, José Malhoa und Columbano Bordalo Pinheiro (ein Bruder des ersten Karikaturisten Portugals; s. Seite 36), zur Gestaltung einiger Säle. Auf einer ausgedehnten Europareise erwarben die Monarchen Wäsche und Möbel in der Mode der Jahrhundertwende für den Palast. Teile des Gebäudes wurden dem Volk zugänglich und einige Bereiche der Gärten als Park geöffnet, um das Haus rentabel zu führen.
In dieser Zeit wurde das Gelände am Flussufer umgestaltet. 1890 folgte die Einrichtung der Bahnlinie, die heute nach Cascais führt. 1903 bekam der palácio einen Telefonanschluss. Die letzte rauschende Ballnacht der Monarchen im Palácio de Belém fand am 3. Oktober 1910 statt, zu Ehren des brasilianischen Staatspräsidenten und Portugals letztem König Dom Manuel II. Zwei Tage später endete die Monarchie und aus dem Land wurde eine Republik.

Deren oberste Repräsentanten nutzten den Palast fortan als Amtssitz. Teófilo Braga, der erste Präsident der Republik, empfing hier nur Staatsgäste, richtete zu deren Ehren Banketts aus oder unterzeichnete Urkunden ­ der nun aus dem Amt scheidende Jorge Sampaio sowie Vorgänger Mário Soares kehrten zu diesem Modus zurück. Teófilo Bragas Nachfolger Manuel de Arriaga und spätere Staatschefs nutzten den Palácio de Belém auch als Amtswohnung. Als höchster Diener des Staates musste Arriaga Miete zahlen: Er entrichtete einen Obolus von 100 Escudos. Der Staat erweiterte die Möglichkeiten für die Bevölkerung, Palast und Gärten zu besuchen.
Mit dem Ende der Ersten Republik und dem Beginn des Salazar-Regimes wurde Belém zum Symbol der Kolonialmacht: Die Exposição do Mundo Português, die Ausstellung der portugiesischen Welt, bezog im Sommer 1940 den ganzen Stadtteil ein. Der Garten der alten Quinta do Outeiro das Vinhas erhielt den Namen Jardim Colonial und stellte das Weltbild der Herrscher über afrikanische und asiatische Völker zur Schau. Zur Nelkenrevolution 1974 fanden vor dem Palast Demonstrationen statt, das Ende der Diktatur wurde gefeiert, Soldaten untergebracht, Versammlungen abgehalten. Menschen kamen, um das symbolische Herz Jahrhunderte langer portugiesischer Geschichte zu besichtigen.
Eine grüne Flagge mit dem Staatswappen signalisiert, wann sich der Präsident im Palácio de Belém aufhält.
Besichtigung der Residenz und Garten: Immer samstags zwischen 11 Uhr und 17 Uhr gibt es Führungen durch den Palácio de Belém.

ESA 03/06

 

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