0602 Fl Valentin

FEUILLETON

Erst Seeheld, dann liebestoll mit dem Feuer gespielt: Admiral Horácio Nelson auf einem Gemälde von Daniel Orne, 1799

Die vollständigste aller Tugenden
Die Passion komme einem Rauschmittel gleich, behaupten Forscher. Und zum Valentinstag gibt es überall Analysen der Formen menschlichen Beisammenseins. Besonders vielfältig sind die Darlegungen zum Zusammenhang von Liebe und Treue
Horácio Nelson, der britische Admiral, wurde nicht erst durch die Schlacht bei Trafalgar vor rund 200 Jahren zum Säulenheiligen der Geschichte. Zuvor besiegte er vor dem Cabo de São Vicente die spanische Flotte. Das war 1797, am Valentinstag. Doch nicht nur die Parforcejagden auf See brachten ihm den Spitznamen ,,fougueux admiral”, feuriger Admiral, ein. Auch privat ließ Nelson nichts anbrennen. Der 1,60 Meter kleine Mann, den die Spanier despektierlich ,,Señorito” nannten, kam bei den Damen ganz groß raus. Ganz offen lebte er sein Techtelmechtel mit Lady Hamilton, der Frau des britischen Gesandten in Neapel. Myladys Gatte, Sir William, machte aus der ehelichen Not eine Tugend und durch Eigenbeteiligung aus der Affäre eine menage à trois. Daheim in merry old England saß traurig Nelsons Angetraute Fanny Nisbet. Weder die strengen Sitten im England des 18. Jahrhunderts, noch tolerante Moral oder durch Seuchen erzeugter Liebesfrust der folgenden Millennien verhinderten Seitensprünge. Was Wissenschaftler ,,wachsende Partnermobilität” nennen, bringt TV-Stationen die begehrte Quote: Portugals Privatsender TVI und SIC sorgten mit den Treuetest-Shows Fiel ou Infiel (treu oder untreu) und Juras de Amor (Liebesschwüre) für die Gaudi, die ein johlendes Publikum empfindet, wenn ein Abenteurer vor versteckter Kamera vom aufgebrezelten anderen Geschlecht verführt und hinterher vom Lebensabschnittsgefährten erst gehauen und dann in die Wüste geschickt wird. Daran ist der Seitenspringer natürlich nicht selbst schuld. Dank der erwähnten Wissenschaftler wissen wir: Es sind die Phenylethylamine ­ körpereigene Drogen mit der Wirkung von Aufputschmitteln. An der italienischen Universität Pavia wurde ermittelt, dass ein einziges Molekül verantwortlich für den Ausbruch einer Passion ist, dessen Haltbarkeit aber auf ein einziges Jahr begrenzt ist. Die Zeitung Correio da Manhã forschte zoologisch: Schimpansen und Bonobos einerseits, unsere nächsten Verwandten, sind mit ihrer Liebe freigiebig. Präriehunde zum anderen verlieben sich laut Nature Neuroscience ähnlich wie der Mensch: Mit dem Vorsatz ewiger Treue. Bis etwas Reizendes über die Prärie läuft. Übrigens heißt es vom Präriehund, er reagiere feindselig auf Männchen, die sich der Auserwählten nähern. Schließlich hat es Mühe gekostet, die Gefährtin für sich und die Aufzucht der Jungen zu gewinnen. Das gibt man nicht so einfach auf. Dennoch: Über 97 Prozent aller Säugetiere bilden keine Zweierteams fürs Leben. Gottseidank schreibt Nature Neuroscience dann doch noch, bei menschlichen Männchen sei das alles komplizierter. Immer musste das liebe Vieh herhalten, um das Tier im Menschen zu schildern. Im Mittelalter glaubte man, am 14. Februar, dem Namenstag des Heiligen Valentin, hielten die Vögel Hochzeit. Geoffrey Chaucer schrieb um 1375 das Gedicht ,,Parlament der Vögel”, hundert Strophen frühes literarisches Zeugnis für die Verbindung zwischen Valentin und Paarung: Im Garten der Liebe trafen sich die Vögel unter dem Vorsitz der Göttin Natura zur Balz. Die Turteltaube plädierte für bedingungslose Treue. Der Kuckuck, wen wundert’s, pries den Fun-Faktor des Single-Lebens. ,,The lyfe so short, the craft so long to learn” ­ Kurz sei das Leben, zum Erlernen der Kunst brauche es aber Weile, so Chaucers erste Zeile. Die Treue sei die vollständigste aller menschlichen Tugenden, findet die portugiesische Autorin Agustina Bessa-Luís. Über diese Tugend wachen nun auch in Portugal Detektive: www.detectivemariocosta.com bietet seine Dienste und rät, wie vermeintlich Gehörnte testen können, was an ihrem Verdacht dran ist. Untreue kann teuer werden. Admiral Nelson war auf dem rechten Auge blind, im Privaten sogar beidseitig: Um bei seiner Lady zu sein, schwang er sich in Neapel zum Berater des Königs auf und überredete den Regenten zum Angriff auf das französisch besetzte, benachbarte Italien. Ergebnis: Neapel fiel den Republikanern in die Hände, Nelsons Schiffe konnten ihn, die Königsfamilie und ein paar Engländer gerade noch evakuieren.
Henrietta Bilawer

ESA 02/06

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