,,Das Herz des Wassers”

Der kleine Ort Cacilhas am Südufer des Tejo ist mit der Fähre vom Cais do Sodré schnell erreichbar. Leben und Treiben unterscheiden sich deutlich vom Hauptstadt-Betrieb. Nur wenige Touristen kommen hierher, doch die Metropole bietet von diesseits des Flusses eine lohnende Perspektive

Zum südlichen Tejo-Ufer, nach Cacilhas werde ,,Diebesgut geschafft, das marodierende Banden nach Plünderungen in Häusern und Geschäften Lissabons erbeutet haben”, bezeugt ein Schreiben des Bezirksrichters José Barbosa de Carvalho. Es stammt aus den Tagen nach dem Erdbeben, das 1755 Lissabons Unterstadt zerstörte. Auch Cacilhas wurde schwer beschä,,Leva namorados digt. So erließ des Königs Marujos soldados wichtigster Beamter, der E trabalhadores Marquês de Pombal, ein E parte dum cais Dekret: Allen Familien müsQue cheira jornais se die Überfahrt über den Morangos e flores…” Fluss zu einem minimalen (Ary dos Santos) Preis möglich sein. Der Transport von Lebensmitteln und anderen Gütern dürfe nicht von Spekulanten missbraucht werden.

Damals war das Boot die einzige Möglichkeit, den Tejo zu überqueren. Heute gibt es zwei Brücken über den Fluss, doch noch immer sind die Fähren, die cacilheiros, eine wichtige Verbindung zwischen Südufer und Hauptstadt. Ihren Namen gab ihnen vor gut hundert Jahren der Schriftsteller Ramalho Ortigão. Die Dampfschiffe erschienen ihm ,,menschlich, mit zwei Augen am Bug”. Seit dreißig Jahren gehören die orange und weiß gestrichenen Fähren der Transtejo, Portugals größter Reederei. Sie befördert 32 Millionen Fahrgäste pro Jahr über das Mar da Palha, das Strohmeer, wie der Mündungstrichter des Tejo heißt. Moderne blau-weiße Katamarane befahren die Strecken flussaufwärts, die Cacilheiros schippern von der Anlegestelle Cais do Sodré ab kurz vor sechs Uhr morgens und fast bis Mitternacht nach Cacilhas, die Autofähren bis halb drei in der Frühe.
Cacilhas ist ein geschäftiger kleiner Ort, Lissabon erscheint von hier wie eine ferne Luftspiegelung. Doch niemand will entscheiden, ob das gelegentliche dumpfe Grollen in der Luft von Wind und Wellen und den cacilheiros stammt oder vom Großstadtlärm am Ufer gegenüber. Pendler, die fast wie ferngesteuert immer denselben Platz einnehmen, überbrücken die fünfzehn Minuten kurze Reise mit Zeitungslektüre. Carlos Mateus hat diese Zeit bereits hinter sich. Er ist seit vier Jahren Rentner. Doch noch immer zieht es ihn mehrmals in der Woche auf die Fähre, in die Hauptstadt, wo er Sanitäter war. Er blickt zurück auf sein sich langsam entfernendes Cacilhas, das er jetzt, in der Freizeit, neu entdeckt. ,,Hier ist im Laufe der Geschichte viel passiert, doch Geschichtsbücher und Reiseliteratur berichten wenig”, meint er.
1981 wurden bei Arbeiten an der Kanalisation Reste einer Fischfabrik aus der Römerzeit entdeckt. In großer Menge wurde der Fang aus dem Meer gepökelt und haltbar gemacht. Die Archäologen bargen Fundstücke aus der Eisenzeit und eine beachtliche Zahl maurischer Münzen. 1384 fand die schwierige Seeschlacht von Cacilhas gegen Kastilien statt. Aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sind Geldstücke und Azulejos erhalten. Die Bedeutung des Ortes überrascht nicht: Cacilhas liegt an der Spitze einer Landzunge, im Norden der Fluss und Lissabon, in Osten und Süden der Mündungstrichter, der sich hier zu seiner größten Ausdehnung öffnet.
Pater Luís Cardoso notierte 1751 in seinem ,,Geografischen Wörterbuch” 158 Häuser in Cacilhas. Heute sind es etwa 7.000. Vierzig Schiffe konnten festmachen, heute kommen nur noch die Fähren. Doch gleich nebenan liegen die Werften, sie gehören zu den größten Europas. Lissabon ernährte das Dorf: Die Männer waren Fährleute oder verdienten ihr Brot als Kalfater, sie teerten die Fugen der Schiffsplanken auf den Werften der Hauptstadt. Die königliche Familie liebte das südliche Ufer und setzte häufig über ­ mit Kutschen, Pferden und Bediensteten. Dann musste der Polizeichef ,,ohne Zeit zu verlieren sofort in den Hafen eilen, die Abfertigung von Schiffen gleich welcher Herkunft stoppen und den Kai für die königlichen Fähren freihalten.” Ortsfremde wurden für die Dauer der noblen Visite polizeilich überprüft und mussten ihre Papiere abgeben.
Geschichten erzählen auch die Boote selbst, meint Carlos Mateus. Zwischen Lissabon und Cacilhas verkehren achtzehn Fähren, sechs davon wurden in Deutschland gebaut. Die São Jorge beispielsweise kommt aus dem bayrischen Deggendorf, hat einige Jahre die Donau befahren und fuhr in Rumänien und auf der Insel Malta, bevor sie 1992 nach Lissabon kam.
Die gemächliche Fahrt steht im Widerspruch zu den Gefühlen der Fährleute: Der Lohn ist niedrig, neu eingerichtete Buslinien über die Ponte 25 de Abril locken immer mehr Fahrgäste weg. Eine dritte Tejobrücke wird es nicht geben, solange die Staatskassen leer sind. Dennoch fürchten die Mestres, die Bootsführer, um die Zukunft der Linienfähren. Mit ihrem Verschwinden verlöre auch Lissabon ein Wahrzeichen. Die cacilheiros ,,laden Verliebte, Matrosen, Soldaten und Arbeiter und kommen von einem Kai, der nach Zeitung, Erdbeeren und Blumen duftet”, heißt es in einem populären Lied des Dichters Ary dos Santos von 1977. Aber auch: ,,Wenn der cacilheiro verschwindet, wird das Herz des Wassers trauern und das Volk von Lissabon wird weinen: Wenig Tejo und viel Schmerz.”

HENRIETTA BILAWER
07/05

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